Gemeinde Marburg - Ein Faktor in der Geschichte Gottes


(aus dem Gemeindebrief Februar / März 2004)

November 2003. Ich blättere in der (übrigens immer wieder empfehlenswerten) Zeitschrift "Aufatmen". Roland Werner aus Marburg schreibt über "Segenslinien". Gott hinterlässt an bestimmten Orten seine guten Spuren. Werner zählt verschiedene Beispiele auf, u.a. nennt er auch seinen (und unseren) Wohnort: Marburg. Ich staune nicht schlecht, als ich entdecke: Unter den Marburger Segenslinien Gottes sind auch wir genannt, die Baptistengemeinde! Und das nicht von einem Baptisten, der sich grade mal selber auf die Schulter klopft, sondern von einem anderen Christen, der wahrgenommen hat, was Gott auch durch unsere Gemeinde getan hat. Und das bundesweit in einer Zeitschrift lesbar!

"Marburg, die Stadt, in der ich lebe, scheint mir ein solcher [Segens-]Ort zu sein. Die glühende Jesusjüngerin Elisabeth von Thüringen hat bis heute ihre Spuren in der Stadt hinterlassen. Zur Zeit der Reformation war Marburg ein wichtiges Zentrum des neuen Glaubens und der Religionsfreiheit. Die erste neue protestantische Universität wurde hier gegründet. Der große Pietist Heinrich Jung-Stilling lehrte als Professor in Marburg. Der Aufbruch, der zur Gründung der Baptistengemeinde führte, konnte sich trotz polizeilicher und kirchlicher Verfolgung behaupten. Mit dem Kommen des Gemeinschaftsdiakonieverbandes wurde Marburg zu einem Zentrum missionarischer Aktivität, bis heute. Die Vielfalt der heutigen Gemeinden, ein Aufbruch unter der jungen Generation und vieles mehr deutet darauf hin, dass Gottes Geist weiterhin unter uns am Werke ist. Vielleicht darf man es so sagen: Diese Stadt ist - wie unzählige andere in der Welt - ein Zeichen für die Treue Gottes." (R. Werner)

In welcher Geschichte wir hier stehen! Auch wir sind ein Faktor in der Geschichte Gottes! Gott sei Dank.



Nun blättere ich in baptistischen Geschichtsbüchern. Ich entdecke: Marburg wird bereits als die achte Baptistengemeinde in (Groß-)Deutschland aufgeführt. Schon sechs Jahre nach der Hamburger "Muttergemeinde" wurde sie gegründet, 1840. Wir sind - im Vergleich - deutsche Baptisten der ersten Stunde.


Und das in einer schwierigen Umgebung. Hessen galt als die Gegend, in der Baptisten am heftigsten polizeilich verfolgt wurden. Stein des Anstoßes war die Kindertaufe, die Baptisten nicht mehr vornehmen lassen wollten. Der erste Marburger Baptist, Jeremias Grimmell (unten im Bild mit seiner Frau), wurde mehrmals polizeilich vorgeladen und auch vor dem lutherischen Presbyterium verhört.
Höflich, aber bestimmt, wusste Grimmell sich zu verteidigen. Der Polizeidirektor fragte ihn: "Sie wollen ihr Kind nicht taufen lassen?" Grimmell darauf: "O ja, Herr Direktor! Es kann uns keine größere Freude widerfahren, als wenn auch unser Kind getauft werden könnte." Der Beamte war verwirrt - weswegen war Grimmell denn angeklagt? Er fragte, wann er sein Kind denn taufen lassen wolle. "Sobald es seinen verderbten Zustand erkannt hat und nach wahrer Buße und Bekehrung fragt: Was soll ich tun, dass ich selig werde?" Mit anderen Worten: Grimmell stand zur Glaubenstaufe.

Verhängte Geldstrafen zahlte er prinzipiell nicht, so dass sein Besitz gepfändet wurde. Doch seiner Taufüberzeugung nützte das nichts: Schließlich wurden seine Kinder nacheinander mit polizeilichem Zwang aus der Wohnung geholt und in der nächstgelegenen lutherischen Kirche getauft, teilweise unter tumultartigen Szenen, bei der zu Hilfe geeilte Glaubensgeschwister etliche Ohrfeigen des Wachtmeisters einstecken mussten.

Auch andere Marburger "Taufgesinnte" mussten bitter für ihre Gewissensüberzeugung bezahlen. Nicht Ortsansässige wurden ausgewiesen und verloren damit ihren Job. Pfändung des Besitzes traf die Armen hart. Grimmell: "Am 30. Mai wurden wir wegen Versammlunghaltens um 7 Thaler gepfändet, wobei sie mir alle Etui-Arbeiten aus meinem Laden fortnahmen." (Grimmell war Buchbinder.) "Auch den Geschwistern Braun ging es so, welchen sie mit groben Redensarten einen neuen Kleiderschrank und zwei Tische wegnahmen; während sie sich bei Schw. S. ihrer so dürftigen Kleider bemächtigten und ihren Bettüberzug abzogen." Der Bürgermeister von Wolfshausen wurde, nachdem er sich der "Sekte der Wiedertäufer" anschloss, sofort vom Amt suspendiert und außerdem in einer amtlichen Bekanntmachung denunziert. Grimmell wurde bei einer beruflichen Reise nach Hersfeld verhaftet und über mehrere Gefängnisstationen, auch in Kirchhain, nach Marburg zurücktransportiert. Unter den Gefängnissen, in denen Grimmell einsaß, ist auch der "Hexenturm", den man heute noch am Landgrafenschloss sehen kann.

Welche Segensspuren entstanden aus dieser Standhaftigkeit? Von heute aus kann man sie gar nicht alle ermessen. Für damals galt: Inmitten einer oberflächlichen Kirchlichkeit gab es eine Handvoll von Christuszeugen, die für Gottes Ehre eintraten. Das bescheinigten sich nicht etwa damalige Baptisten selbst, sondern ein Marburger Theologieprofessor. 1843 hielt er eine kirchenkritische Predigt und sagte dabei: "Aber hat denn Gott kein Bethaus mehr auf Erden? O nein, er hat auch noch ein Bethaus in unserer Stadt. Aber wo ist es denn? Da oben auf dem Schlosse! Hinter Schloss und Riegel eingesperrt wie die ärgsten Verbrecher [...] Sie, die um des Wortes willen gefangen sind, sie sind wahrhaftig das Bethaus Gottes!" Mutige Christen als lebendiges Zeugnis für Gott in Marburg.

Späteren Marburger Baptisten musste man zugestehen, dass sie sich immer korrekt gegenüber ihren Gegnern verhalten hatten - so erwarben sie sich Respekt auch bei den feindlich eingestellten Ämtern. Jakob Becker, Hassenhausen, "vertrat mit Entschiedenheit das Recht der hessischen Gemeinden vor den Behörden." Die respektvolle Art dabei wurde wahrgenommen - von Beckers Beerdigung heißt es: "Es spricht für die Achtung, die Becker in weiten Kreisen genoss, dass die Behörden der Stadt und andere Persönlichkeiten wie Amtsrichter, Anwälte und Bürgermeister sowie eine große Menschenmenge an der Feier teilnahmen."

In der Festschrift "150 Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden Marburg und Hassenhausen" schreiben Georg und Gerhard Happel: "So sind aus den Anfängen in Marburg-Hassenhausen über Gießen und Wetzlar vier selbständige Ortsgemeinden geworden." Und wenn ich im ehrwürdigen dicken leinengebundenen Gemeinderegister blättere, das natürlich spätere Namen, aus dem 20. Jahrhundert, enthält, so stoße ich auf viele Menschen, die später andernorts in Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden (und nicht nur dort) gewirkt haben, sei es als Pastor oder anders. Auch diese Menschen haben Gott in unserer Gemeinde erlebt und wurden ein Stück von uns geprägt.

In unterschiedlicher Lektüre habe ich geblättert, in der Zeitschrift "Aufatmen", der "Geschichte der deutschen Baptisten" von Josef Lehmann von 1896 (im Bild ist die Widmung "von der Sonntagsschule, 1900"), im "Wachsenden Werk" von Rudolf Donath, in der Festschrift "150 Jahre ..." und im Gemeinderegister. Überall war zu entdecken: Die Marburger Gemeinde, die heute "Uferkirche" heißt, ist (zusammen mit Hassenhausen) ein Teil der örtlichen Segenslinien; ein Faktor in der Geschichte Gottes.

Dr. Ulrich Wendel

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