Zur Geschichte: 50 Jahre Kapelle der EFG Marburg - 50 Jahre Uferkirche

Aus dem Jubiläums-Gemeindebrief vom 17./18.November 2007

A - Geschichte der Gemeinde
Im protestantischen Marburg setzte sich im vorletzten Jahrhundert der freikirchliche Gedanke mit der Gründung der ersten Baptistengemeinde in Hessen am 25. Oktober 1840 durch, nachdem zuvor der Buchbinder Jeremias Grimmell mit seiner Ehefrau und drei anderen Personen in der Lahn auf das Bekenntnis ihres Glaubens in biblischer Weise durch G.Oncken getauft worden waren.
Infolge der bald einsetzenden Glaubensverfolgung musste Grimmell jedoch schließlich mit seiner Familie nach Nordamerika auswandern. Weitere Gemeindeglieder gingen ins südliche Marburger Land nach Fronhausen - später nach Hassenhausen, wo auch eine Kapelle gebaut wurde.
Mit dem Jahre 1880 fanden dann wieder in Marburg (als Station von Hassenhausen) regelmäßig Versammlungen statt, und zwar bis zum Jahre 1919 in einem kleinen Saal des Drechslermeisters Happel, Hofstadt Nr. 5. Ab 1919 wurden die Versammlungen in einen kleinen Saal im Hinterhaus der Gaststätte „Zum Felsenkeller“ in der Elisabethstraße, dicht bei der Elisabethkirche, verlegt. Danach kamen die Geschwister in einem Raum am Pilgrimstein Nr. 6 und später für kurze Zeit in einem Klassenzimmer der Oberrealschule in der Savignystraße (heutige Martin-Luther-Schule) zusammen.
Im Jahre 1939 konnte der etwa 80 - 90 Personen fassende Saal im Roten Graben Nr. 6 gemietet werden, der vorher lange Jahre von der Stadtmission genutzt worden war. Nach Kriegsende erhielt die Gemeindestation Marburg Zuzug von geflüchteten Geschwistern aus den deutschen Ostgebieten und auch aus der von den Sowjets besetzten Zone Mitteldeutschlands, den heutigen neuen Bundesländern.

B - Notwendigkeit eines eigenen Gotteshauses
Nachdem Prediger Johannes Wessel, früher Rastenburg (Ostpreußen), als erster Prediger nach dem 2.Weltkrieg von der Stationsgemeinde Marburg berufen worden war, reifte in der Gemeinde der Wunsch, selbständig zu werden und einen eigenen, größeren Versammlungsraum zu haben. Die Zahl der Mitglieder der Gemeinde in und um Marburg lag inzwischen bei gut 100.
Aus der Gemeindestation wurde also die Zweiggemeinde Marburg innerhalb der Gesamtgemeinde Hassenhausen. Zum Nachfolger von Br. Wessel berief die Gemeinde im Jahre 1951 Bruder Oskar Kühne.

C - Bemühungen um ein eigenes Gotteshaus
Der Grundstock für ein eigenes Gemeindehaus war schon etwa 1928 durch die Witwe Elisabeth Cloos geschaffen worden. Sie hatte testamentarisch ihr Wohnhaus in Cölbe der Gemeinde übertragen. Es sollte den Geschwistern in und um Marburg als Versammlungsstätte dienen. Durch den Verkauf des Hauses im Jahre 1952 konnte in Marburg , Wilhelmstr.31, ein Hausgrundstück erworben werden. Dieses wurde jedoch wieder veräußert, um ein Gartengrundstück am Barfüßertor zu kaufen. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Bauordnungsbehörde für dieses rückwärtige Grundstück keine Baugenehmigung erteilen würde. Man fand dann ein Grundstück in der Werderstraße, im Südviertel von Marburg. Doch hier gab es Schwierigkeiten mit dem Bundesvermögensamt, das im Auftrag für die damalige Besatzungsmacht handelte. Diese Behörde hatte sich das Grundstück für ein Offizierskasino ausgesucht und kurzerhand beschlagnahmt. Nach langem Warten und Suchen fand man endlich im Nordviertel das günstiggelegene Eckgrundstück Biegenstraße/Uferstraße, einen kleinen, verwinkelten und nicht einfach zu bebauenden Platz.

D - Planung und Verwirklichung der Kapelle
Mit der Planung der Kapelle wurden die beiden Architekten Siegfried und Harald Brauer aus Heutingsheim bei Ludwigsburg (Württ.) beauftragt. Beide Architekten waren Baptisten und hatten einschlägige Erfahrungen mit dem Bau von Gemeindehäusern im damaligen Nachkriegsdeutschland.
Der erste Entwurf für das Grundstück sah nur eine Kapelle - ohne Studentenwohnheim - vor. Weil dieser Entwurf aber aus städtebaulicher Sicht keine Abschlusslösung für die geschlossenen Häuserzeile der Biegenstraße darstellte, wurde er von der Bauordnungsbehörde nicht akzeptiert. Die Umplanung ergab dann ein schmales Abschlussbauwerk als Wohngebäude mit Eingang von der Biegenstraße. Es schloss sich das niedrigere Kapellengebäude mit dem Haupteingang von der Uferstraße her an. So machten unsere Gemeindeväter aus der Not eine Tugend: Sie entschlossen sich, das 5-geschossige Wohngebäude als Studentenheim zu errichten, zumal in der damaligen Zeit ein großer Bedarf an Unterkünften für Studenten bestand. Für das Studentenwohnheim wurde ein Trägerverein gegründet, dem die Gemeinde als Mitglied beitrat. Die Baukosten der Kapelle veranschlagte man mit 130.000,-- DM, die des Studentenwohnheims mit 180.000,-- DM.
Am 4.November 1956 feierte die Gemeinde die Grundsteinlegung. In der von Liedern des gemischten Chores und des Männerchores der Gemeinde umrahmten Feierstunde vollzogen Gemeindeleiter Julius Wege, Gemeindeprediger Oskar Kühne, Prediger Fiedler (Hassenhausen), Jugendleiter Gerhard Kühne und als Vertreter der Studenten, Bruder Dose, mit Segenswünschen die ersten symbolischen Hammerschläge. Im Kellergeschossbereich des Kapellenturmes mauerte man damals eine Kupferhülse mit einer Bibel, einem Mitgliederverzeichnis, einer Urkunde über die Geschichte der Gemeinde Marburg, einem aktuellen Gemeindebrief, Zeitschriften der Gemeinde, zwei Marburger Tageszeitungen und einigen DM-Münzen als Inhalt ein.
Für die Bauzeit hatte man etwa ein Jahr vorgesehen. Sie wurde fast eingehalten.
Im Sommer 1957 war bereits das Untergeschoss des Kapellenbaus so weit hergerichtet, dass die Gottesdienste der Gemeinde in dem sogenannten 'Jugendraum' im Kellergeschoss stattfinden konnten.

Die offizielle Einweihung der Kapelle fand dann aber am 17. Nov. 1957 statt.
Die damaligen Feierlichkeiten begannen um 9.15Uhr mit folgendem Programm: Posaunenchor/Gemeindegesang vor der Kapelle: „Du meine Seele singe..“, Schriftwort Prediger Kühne, Übergabe der Schlüssel durch den Architekten Siegfried Brauer an den Gemeindeleiter Julius Wege,Türöffnung und Einzug der Gemeinde unter dem Klang der neuen Orgel usw.
Ein großes, ein bewegendes - aber auch anstrengendes Fest erlebte damals die Festgemeinde. Nicht alle der ca. 550 Teilnehmer fanden Platz im Gottesdienstraum. Etwa 100 Personen mussten im 'Jugendraum' an einer Übertragungsanlage den Festgottesdienst mitverfolgen.
Die Weihepredigten hielten Bruder J.Walter aus dem Bundeshaus (damals Bad Homburg) und der Vereinigungsleiter W.Paulo (Kassel). In die musikalische Ausgestaltung des Weihegottesdienstes waren ein Posaunenchor, der Gemischte- und der Männer-Chor sowie eine Musikgruppe der Gemeinde und die damals bekannte Sängerin und Solistin Irma Siedler-Reuter eingebunden. Natürlich wurden auch zahlreiche Grußworte gesagt; so von dem damaligen Bürgermeister der Stadt Marburg, Dr. Schilling, und Vertretern der Ev. Allianz, des Bundes Ev.-Freikl.Gemeinden, der Nachbargemeinden usw.
Über dem Tag stand das Wort aus Psalm 93,5:
„Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses, o Herr, ewiglich.“
Die Feierlichkeiten endeten mit dem alten baptistischen Lied, das von einem Sohn des Gemeindegründers Grimmell ins Deutsche übertragen wurde: „Gesegnet sei das Band, das uns im Herrn vereint! Geknüpft von Christi Liebeshand, bleibt’s fest, bis erscheint.“
Das Studentenwohnheim wurde erst eineinhalb Jahre später bezugsfertig. Man feierte die Einweihung am 19. April 1959. Die Baukosten hatten sich - wie sollte es wohl anders sein - für den Kapellenbau auf ca. 180.000,-- DM und für den Wohnheimbau auf ca. 230.000,-- DM erhöht. In den folgenden Jahren mußte die Gemeinde, die jetzt ca.140 Mitglieder hatte, daher erhebliche Anstrengungen schultern, um die für die damalige Zeit immensen Schulden zu tilgen.
Zur Veranschaulichung des Geldwertes damals zu heute: Unser damaliger Prediger hatte ein Brutto-Jahresgehalt von umgerechnet 3.500 €.
Die Gemeinde erlebte in den Endsiebziger/Anfangachtziger Jahren einen großen Zuwachs (zeitweise über 300 Mitglieder), so dass die Kapellenräumlichkeiten viel zu klein wurden. Um den Bedarf an zusätzlichem Raum für Kinder- und Jugendarbeit zu decken, entschloss sich die Gemeinde, nach und nach Räume im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss des Studentenwohnheims umzuwidmen bzw. für gemeindliche Zwecke umzubauen.
Der eigentliche Kirchenraum einschließlich der gesamten Eingangssituation erfuhr im Jahr 1983 eine bauliche Umgestaltung. Hier wären zu nennen: Einbau einer Entlüftungsanlage, Erneuerung und Vergrößerung der Fensteranlagen, neue Beleuchtungsanlage, Veränderung des Taufbeckens, des Podiums, des Abendmahltisches und der Kanzelanlage, Holzbänke wurden zum großen Teil ersetzt durch Stuhlreihen, der gesamte Eingangsbereich ist mit Glaswänden und -türen neu gestaltet worden und über dem Haupteingang installierte man ein verschiefertes Vordach. Auf Antrag der Gemeinde wurde außerdem von der Stadt Marburg vor dem Haupteingang eine Bürgersteigerweiterung mit Schutzgeländer vorgenommen, sodass für Gottesdienstbesucher ein größerer Begegnungsraum im Freien entstand. Im letzten Jahrzehnt sind die elektronischen Medieneinrichtungen modernisiert und auf den neuesten Stand der Technik gebracht worden.

E - Allgemeines
Von den Geschwistern, die als Gemeindemitglieder der Gemeinde Marburg die Kapelleneinweihung vor 50 Jahren miterlebten, leben heute noch 9 unter uns. Es sind:
Schwester Gertrud Conrad, Schwester Johanna Buttchereit, Schwester Elisabeth Kopjar, Schwester Elisabeth Mördel, Schwester Angelika de Wal, Schwester Christa Pautzke, Schwester Marga Hahn, geb. Cloos, Bruder Bruno Hüttel, Bruder Rolf Gössmann.
Die erste Taufe in der neuen Kapelle fand vor 50 Jahren am 8.Dezember 1957 statt. Heute gehören noch drei der damaligen Täuflinge zur Gemeinde Marburg und zwar Schwester Maria Kühn, geb. Cloos, Bruder Kurt Kühne und Bruder Robert Wege.
Im Jahre 1960 ging unser Prediger Oskar Kühne nach dem Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand. Noch im selben Jahr berief die Gemeinde Bruder Hermann Woock aus Tübingen zum neuen Prediger der Gemeinde. Die Einführungsfeier fand am 17.November 1960, genau drei Jahre nach der Kapelleneinweihung statt.
Weitere Prediger bzw. Pastoren, die in den 50 Jahren Dienst in der Gemeinde und damit auch im Kapellengebäude taten, sind
Bruder Karl-Heinz Gromberg, Bruder Lutz Buchheister, Bruder Gerd Rudzio, Bruder Helmut Schneider, Bruder Siegfried Wolf (zeitweise), Bruder Christoph Becker, Schwester Cornelia Sandersfeld-Zanic (zeitweise) und zur Zeit Bruder Dr.Ulrich Wendel.
Nicht zu vergessen sind unsere nebenamtlichen Hausmeisterehepaare, die über eine Zeitspanne von insgesamt 23 Jahren treu ihren Dienst im Studentenwohnheim und in der Kapelle erfüllten. Es waren dies Geschwister Strahler, Bruder Hartmann, Geschwister Stiem, Geschwister Faber , Geschwister Becker.
Als sich herausstellte, dass die Betreuung der inzwischen in den siebziger Jahren hinzugekommenen Gebäude, wie Gemeindezentrum am Damaschkeweg und das Predigerwohnhaus am Kaffweg, nicht mehr durch nebenamtliche Stellen zu betreuen waren, entschloss sich die Gemeinde, die Stelle eines hauptamtlichen Hausmeisters auszuschreiben. Bruder H.Oltrop wurde ab dem Jahr 1980 als hauptamtlicher Gemeindeangestellter berufen und erledigt bis heute engagiert seinen Dienst in und an den drei Immobilien die zur Zeit der Gemeinde gehören (Kapelle, Studentenwohnheim und Gebäude Damaschkeweg).

F - Begriff "Kapelle"
Als sich die Gemeinde mit dem Gedanken befasste, ein eigenes Gebäude für ihre Zusammenkünfte zu errichten, war es für sie unwesentlich, wie das Gebäude heißen sollte. Für die Alteingesessenen war es selbstverständlich: Es sollte ein Kirchengebäude gebaut werden. Die Bezeichnung Kapelle wählte man wohl deswegen, weil zum einen das Gemeindehaus der damaligen Muttergemeinde Hassenhausen auch schlicht Kapelle genannt wurde und zum anderen die Bezeichnung Kirche zu sehr an ein ehrwürdiges sakrales Gebäude erinnerte.
Unsere Väter wollten damals bescheiden bleiben. Es bürgerte sich der Name Kapelle ein. Auch heute noch nennen „alte Marburger Gemeindemitglieder“ das Kirchegebäude Kapelle.
Erst unter dem dritten Pastor der Gemeinde, Bruder Gromberg, erhielt das Gemeindegebäude den heutigen Namen

UFERKIRCHE.


Nach einem Bericht von Robert Wege.

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