Was vor Augen liegt ...

Ein Fischer liegt am Strand, schaut entspannt auf das Meer und die Wellen und lässt sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Da kommen zwei Touristen aus der reichen Nachbarstadt vorbei, sehen ihn da liegen und gehen auf ihn zu. „Guter Mann, was bist du von Beruf?“ fragt der erste. „Ich bin Fischer!“ „Und warum liegst Du da einfach so am Strand und bist nicht draußen auf dem Meer arbeiten?“ fragt der zweite. „Ich habe schon heute Morgen die Netze ausgeworfen!“ „Ha!“, ruft der erste enthusiastisch. „Wenn du auch heute Nachmittag fischen würdest, könntest Du doppelt soviel an Land ziehen!“ „Und dann?“ „Na, dann könntest du soviel Gewinn machen, dass Du in sieben Jahren noch einen zweiten Mitarbeiter einstellen könntest, der dir zur Hand geht.“ hebt der zweite an. „Und dann?“ „Na, Du musst wohl noch geschäftstüchtig werden!“, ruft der erste wieder. „Dann würdet ihr soviel Gewinn machen, dass Du dir in weiteren sieben Jahren ein größeres Fischerboot kaufen könntest.“ „Und dann?“ „Dann bringt ihr so viele Fische rein, dass Du in nochmal sieben Jahren eine ganze Fischereiflotte besitzen würdest und täglich Tonnen von Tieren an den Strand ziehst!“ erwidert der zweite. „Und dann?“ „Man bist du schwer von Begriff!“ schilt der erste voller Elan. „Dann, mein Junge, bist du ein reicher Mann, hättest viel Zeit und könntest hier am Strand liegen, entspannt auf das Meer und die Wellen schauen und dir die Sonne auf den Pelz brennen lassen!“ Entgeistert schaut ihn der Fischer an: „Das mache ich doch jetzt schon!“
(nach Heinrich Böll)

Diese kleine Geschichte macht uns lächeln. Warum eigentlich? Sicherlich lehrt sie uns Vieles und es reichen diese paar Zeilen eigentlich nicht aus, um ihre ganze Weisheit zu erfassen. Sicherlich berührt es uns, dass die zwei Touristen ihr halbes Leben auf den Kopf stellen würden, große Anstrengung und Stress auf sich nähmen, nur um am Ende das tun zu können, was der Fischer auch ohne das ganze Brimborium an Aufopferei sofort, hier auf der Stelle tut: Nach getaner Arbeit die Ruhe zu genießen und es sich gut gehen zu lassen.
Wenn ich im Neuen Testament lese, wie Jesus den Menschen begegnet und was er ihnen sagt, so scheint es mir, als ob er der Fischer wäre, der zu den reichen, aber abgehetzten Workaholics in den Großstädten geht und ihnen vorhält, wie unruhig und arm sie seelisch in all ihrem Reichtum eigentlich sind. Dass sie keine Ruhe finden. „Ihr lieben Leute!“, mag er sagen, „Warum rackert ihr Euch euer Leben lang für etwas ab, und vergesst dabei zu leben? Euer ganzes Leben macht ihr einen Riesenaufriss auf der Suche nach einem lebenswerten Leben. Und ihr merkt nicht, dass ihr dabei in jeder Sekunde das eigentliche Leben verpasst bis ihr am Ende eures gehetzten Daseins in der Rückschau all eure Flucht nach vorne ins ewig Unerreichbare bedauert und das verpasste Leben betrauert – wenn ihr überhaupt dazu kommt, zurück zu schauen und nicht zuvor an einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einer chronischen Depression zu Grunde geht.“
Es geht nicht darum, Arbeit und Leistung per se in Frage zu stellen, sondern das überzogene Maß zu vermeiden und auch mal zu ruhen. In diesen Zeiten der Ruhe lässt sich das Leben viel eher begreifen als ein Geschenk Gottes. Seine Liebe und Vergebungsbereitschaft können wir dann an uns wirken lassen und uns einfach und bescheiden über die Kleinigkeiten im Leben freuen. Gott möge uns die nächsten Wochen immer wieder daran erinnern, nach getaner Arbeit Zeiten der Ruhe und der Entspannung in den Alltag einzubauen.

Pastor Parvis Rahbarnia

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